Die Stadt Karlsruhe prüft derzeit, ob das International Christian Fellowship (ICF) Karlsruhe e.V. als freier Träger der Jugendhilfe anerkannt werden soll. Die Stadtverwaltung hatte grünes Licht signalisiert – bis Kritik aus Zivilgesellschaft und Kommunalpolitik die Entscheidung vorerst stoppte. Ein Überblick über einen Fall, der grundsätzliche Fragen zum Verhältnis von Religionsfreiheit, Jugendschutz und staatlicher Anerkennung aufwirft.
Worum es geht
Das International Christian Fellowship Karlsruhe e.V. (ICF Karlsruhe) hat bei der Stadt Karlsruhe die Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe nach § 75 SGB VIII beantragt. Diese Anerkennung ist kein bloßer Verwaltungsakt: Sie verschafft einem Verein Zugang zu öffentlichen Fördermitteln, ein Mitspracherecht in der Jugendhilfeplanung und die Möglichkeit, aktiv an kommunalen Entscheidungen über Kinder- und Jugendarbeit mitzuwirken (FundiWatch).
Die Karlsruher Stadtverwaltung bewertete die formalen Kriterien positiv und empfahl dem Jugendhilfeausschuss ursprünglich, dem Antrag zuzustimmen – und zwar in einer nach Einschätzung von Kritiker:innen auffallend knappen Beschlussvorlage, die sich kaum mit der ideologischen Ausrichtung des ICF auseinandersetzt (FundiWatch). Die für den 19. Juni 2026 vorgesehene Abstimmung wurde nach öffentlichem Protest kurzfristig von der Tagesordnung genommen (KONTEXT:Wochenzeitung). Der Punkt gilt im offiziellen Sitzungskalender der Stadt als „abgesetzt“ (Sitzung vom 19.06.2026). Die nächste öffentliche Sitzung des Jugendhilfeausschusses findet am Mittwoch, 7. Oktober 2026, 16:30–18:30 Uhr im Bürgersaal statt (Sitzungskalender der Stadt Karlsruhe) – FundiWatch geht davon aus, dass der Fall dort erneut behandelt werden könnte (FundiWatch). Eine Tagesordnung ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht veröffentlicht.
Wer ist das ICF Karlsruhe?
Das ICF Karlsruhe ist kein isolierter Ortsverein, sondern Teil des internationalen ICF Movement, einer evangelikal-charismatischen Kirchenbewegung mit Ursprung in Zürich. Die einzelnen Standorte verstehen sich als Teil einer gemeinsamen Bewegung mit geteilten theologischen Grundlagen, Leitungsstrukturen und einem regen Austausch von Prediger:innen. Über den Verein ICF Karlsruhe e.V. werden zudem die Standorte ICF Kraichgau, Rhein-Neckar und Südpfalz geführt – eine mögliche Anerkennung hätte also Ausstrahlwirkung weit über Karlsruhe hinaus (FundiWatch).
Geleitet wird die Gemeinde vom Pastorenehepaar Steffen und Sibylle Beck, die das ICF Karlsruhe 2005 gemeinsam gegründet haben (ICF – Leitung). Steffen Beck ist zugleich seit 2007 Vorsitzender der Evangelischen Allianz Karlsruhe (ICF – Leitung). Sibylle Beck ist Gründerin und Vorstandsvorsitzende des eng verbundenen Vereins Kinder und Jugend Arche Karlsruhe e.V., der seinen Sitz mit Zeppelinstraße 7c/7b ebenfalls in Karlsruhe hat – an derselben Adresse wie das ICF-Karlsruhe-Office (Impressum Arche Karlsruhe; ICF Karlsruhe – Kontakt). Laut der Vereinssatzung gehören die Verbreitung der biblischen Botschaft, missionarische Veranstaltungen, Gemeindegründung, christliche Seelsorge und Schulungen zum christlichen Leben zu den zentralen Vereinszwecken – eine Selbstbeschreibung, auf die sich die Stadtverwaltung nach Presseberichten selbst berufen hat, als sie gegenüber der Kontext-Wochenzeitung aus der Satzung zitierte (FundiWatch).
Angebot für Kinder und Jugendliche
Die Kinder- und Jugendangebote „ICF Kids“ (0–15 Jahre) und „ICF Youth“ (13–19 Jahre) sind nach eigener Darstellung ausdrücklich religiös-missionarisch ausgerichtet. Auf der eigenen Website beschreibt das ICF Karlsruhe seine Vision für ICF Kids so: „Als Kirche ist es unsere Leidenschaft, dass Kinder Jesus Christus als ihren besten Freund kennenlernen, ihm ähnlicher werden, furchtlos leben und ihr Umfeld positiv verändern“ (ICF Karlsruhe – ICF Kids). Für ICF Youth heißt es: „Unser Traum ist es, dass du hier Jesus ähnlicher wirst, furchtlos lebst und dein Umfeld positiv beeinflusst“ (ICF Karlsruhe – ICF Youth). FundiWatch wertet dies als Beleg dafür, dass die Kinder- und Jugendarbeit eng mit der religiösen Mission der Gemeinde verknüpft ist (FundiWatch).
Die zentralen Kritikpunkte
Gegen die geplante Anerkennung wenden sich vor allem das ehrenamtliche Recherchekollektiv FundiWatch, das christlich-fundamentalistische Strömungen und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen dokumentiert, sowie die Linksfraktion im Karlsruher Gemeinderat. Die Kritik lässt sich in mehreren Punkten zusammenfassen:
Rechtliche Anerkennungsvoraussetzungen. Nach den fachlichen Grundsätzen der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesjugendbehörden (AGOLJB) können Vereinigungen, „die überwiegend der Lehre und Verbreitung einer Religions- oder Weltanschauungsgemeinschaft dienen“, nicht als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt werden. FundiWatch argumentiert, dass beim ICF Karlsruhe angesichts der Satzungszwecke und der religiös-missionarischen Ausrichtung der eigenen Kinder- und Jugendarbeit erhebliche Zweifel bestehen, ob diese Voraussetzung erfüllt ist (FundiWatch).
Umgang mit queeren Menschen und Konversionsbehandlungen. Das ICF Karlsruhe bietet den sogenannten „SOZO“-Befreiungsdienst an, der aus der US-amerikanischen Bethel Church stammt. In dessen internationalem „Modell der vier Türen“ wird nach Recherchen von FundiWatch unter anderem auch die „Befreiung von der Sünde der Homosexualität“ als Anwendungsfeld genannt. Praktiken, die auf eine Veränderung oder Unterdrückung der sexuellen Orientierung Minderjähriger zielen, sind in Deutschland nach dem Konversionsbehandlungsschutzgesetz verboten. Eine PULS-Dokumentation über die ICF Augsburg zeigte zudem, wie an einem sich als homosexuell ausgebenden Journalisten ein Exorzismus-artiges Ritual durchgeführt wurde (FundiWatch).
Konservative Sexualethik und Frauenbild. Öffentliche Predigten und Aussagen aus dem Umfeld der Gemeinde vertreten ein Eheverständnis, das die Ehe exklusiv als Verbindung zwischen Mann und Frau begreift. Zu den beim ICF Karlsruhe aufgetretenen Referent:innen gehören zudem Personen aus einem international vernetzten evangelikalen Milieu, darunter der ICF-Gründer Leo Bigger und der Augsburger Gebetshaus-Leiter Johannes Hartl, die für konservative bis dominionistische Positionen bekannt sind (FundiWatch).
Das „Seven Mountain Mandate“. Im weiteren ICF-Netzwerk wird die Vision propagiert, wonach Christ:innen berufen seien, zentrale gesellschaftliche Bereiche wie Regierung, Medien, Bildung und Wirtschaft im Sinne des „Reichs Gottes“ zu transformieren. Die Theologin Dr. Maria Hinsenkamp ordnet solche Strömungen in ihrer Dissertation als „Kingdom-minded Network Christianity“ ein und benennt das ICF als einen zentralen Akteur dieser Bewegung im deutschsprachigen Raum (FundiWatch).
Fehlende Transparenz im Verfahren. Nachdem der Tagesordnungspunkt im Juni abgesetzt worden war, führte der Jugendhilfeausschuss im Juli ein nichtöffentliches Gespräch mit Vertreter:innen des ICF Karlsruhe. FundiWatch kritisierte dies scharf: Sitzungen beschließender Ausschüsse seien nach der baden-württembergischen Gemeindeordnung grundsätzlich öffentlich zu führen, ein Ausschluss der Öffentlichkeit nur in engen Ausnahmefällen zulässig. Zum Vergleich verweist FundiWatch darauf, dass die Anerkennung der eng verbundenen Kinder und Jugend Arche Karlsruhe e.V. im Februar 2025 noch öffentlich beraten und beschlossen worden war (FundiWatch).
Auf konkrete Nachfragen – etwa, ob wie am ICF-Standort München auch in Karlsruhe queere Menschen von Leitungspositionen ausgeschlossen sind – reagierten weder die Stadtverwaltung noch das ICF Karlsruhe mit einer inhaltlichen Antwort (FundiWatch).
Was sagt die Stadtverwaltung?
Gegenüber der Kontext-Wochenzeitung erklärte die Stadtverwaltung, sie nehme die Kritik ernst, diese beziehe sich jedoch „vor allem auf andere ICF-Standorte wie Zürich und München“ – man wolle sich zunächst die konkrete Arbeit vor Ort anschauen (KONTEXT:Wochenzeitung). FundiWatch hält dem entgegen, dass sich der eigene Offene Brief sehr wohl auch konkret auf die Satzung und Selbstdarstellung des ICF Karlsruhe bezogen habe – und dass die Verwaltung inzwischen selbst aus eben dieser Satzung zitiert habe, um den missionarischen Vereinszweck zu belegen (FundiWatch).
Warum dieser Fall über Karlsruhe hinaus wichtig ist
Der Streit um das ICF Karlsruhe ist mehr als ein Lokalthema. Er berührt eine grundsätzliche Frage, die für säkulare und humanistische Beobachtung von Belang ist: Wo verläuft die Grenze zwischen der verfassungsrechtlich geschützten Religionsfreiheit einer Glaubensgemeinschaft und den Anforderungen, die der Staat an einen anerkannten Träger der Kinder- und Jugendhilfe stellen muss? FundiWatch betont dabei ausdrücklich, dass es nicht um eine grundsätzliche Ablehnung religiöser Träger der Jugendhilfe geht – solche Träger sind in Deutschland üblich und rechtlich unproblematisch. Entscheidend ist vielmehr, ob im konkreten Einzelfall die gesetzlichen Voraussetzungen tatsächlich erfüllt sind: Steht die Jugendarbeit eigenständig neben der religiösen Vereinstätigkeit, oder dient sie überwiegend deren Verbreitung? Sind Schutz- und Beschwerdestrukturen für Minderjährige – gerade für queere Jugendliche – gewährleistet? Und wird die Entscheidung in einem transparenten, öffentlich nachvollziehbaren Verfahren getroffen? (FundiWatch)
Eine Anerkennung als Träger der freien Jugendhilfe ist, wie FundiWatch es formuliert, „ein besonderer Vertrauensbeweis des Staates“. Gerade deshalb verdient ein Verfahren, das zentrale Fragen zu Kindeswohl, Diskriminierungsschutz und weltanschaulicher Neutralität aufwirft, öffentliche Aufmerksamkeit und eine sorgfältige, nachvollziehbare Prüfung – nicht Gespräche im Hinterzimmer.
Wie geht es weiter?
Der Termin für die nächste öffentliche Sitzung des Jugendhilfeausschusses steht bereits fest: Mittwoch, 7. Oktober 2026, 16:30–18:30 Uhr. Die offizielle Terminseite mit weiteren Informationen findet sich in der Ratsinformation der Stadt Karlsruhe: Jugendhilfeausschuss (öffentlich/nicht öffentlich), 7. Oktober 2026.
Ob und in welcher Form der Antrag des ICF Karlsruhe dort erneut auf die Tagesordnung kommt, ist derzeit offiziell noch nicht bekannt – eine Tagesordnung wurde von der Stadt bislang nicht veröffentlicht. Wer den Fall weiterverfolgen möchte, kann die verlinkte Terminseite in den kommenden Wochen im Blick behalten, sobald dort die Tagesordnungspunkte eingestellt werden. Bis dahin bleibt offen, ob die von FundiWatch und der Linksfraktion aufgeworfenen Fragen zu den Anerkennungsvoraussetzungen, zum Schutz queerer Jugendlicher und zur Transparenz des Verfahrens öffentlich und nachvollziehbar beantwortet werden. Wir werden den Fall weiter beobachten und berichten, sobald es Neuigkeiten gibt.

Foto Rathaus Karlsruhe via Wikipedia CC BY-SA 4.0
Quellen:
FundiWatch – Anerkennung der ICF als freier Träger der Jugendhilfe?,
FundiWatch – Offener Brief zur geplanten Anerkennung,
FundiWatch – ICF Karlsruhe: Evangelikale Jugendhilfe?,
FundiWatch – Nichtöffentliche Gespräche zur Anerkennung,
KONTEXT:Wochenzeitung – ICF Karlsruhe: Evangelikale Jugendhilfe?,
Sitzungskalender der Stadt Karlsruhe – Jugendhilfeausschuss,
ICF Karlsruhe – ICF Kids,
ICF Karlsruhe – ICF Youth,
ICF – Leitung,
Impressum Arche Karlsruhe